The naked truth

Zu den Doppelportraits "Wahrnehmen" von Geri Krischker

Nackte Wahrheit

Es mag verwundern, den Einleitungstext zu einer Ausstellung des Schweizer Porträtfotografen Geri Krischkers mit einem englischen Titel zu überschreiben. "Die nackte Wahrheit" würde pragmati- scher tönen als das englische Pendant und eher aufklärerische Anliegen assoziieren. Das engli- sche "naked" und "truth" hingegen klingen romanhaft und eignen sich als Leitmotiv oder modi- scher Aufruf für Transparenz und Kompromisslosigkeit in der Fotografie. Peter Lindbergh, ein von Geri Krischker geliebter Modefotograf hat im Jahre 2012 eine Serie von Models unter diesem Titel fotografiert, ungeschminkt und ungestellt, wie er sagt. Tatsächlich sind beeindruckende Fotos ent- standen. "Die nackte Wahrheit" heisst auch ein Buch des Kunsthistorikers Kurt Molderings über Marcel Duchamps letztes 1968 posthum veröffentlichtes Werk. Dort blicken wir durch ein Guckloch in einer Art Peepshow auf den inszenierten nackten Leib einer hyperrealistisch hergestellten Frau- enskulptur, die Duchamp in einer künstlichen Landschaft drapiert hat.

Der Alltag eines Fotografen schwankt so zwischen der Absicht, das kurze Aufflackern von Natür- lichkeit, Unmittelbarkeit und Echtheit einzufangen und der absoluten Inszenierung, der sorgfältig arrangierten Künstlichkeit, die, konsequent eingesetzt, paradoxerweise wieder zu einer fast un- schuldigen Betrachtungsweise oder Wahrnehmung führen kann.

Vom Fotografen wünschen wir uns offen oder insgeheim, dass er das Unverstellte und Natürliche in uns hervorzaubert. Doch unverstellt, wahr, natürlich: Halten wir diese Form der Fotografie über- haupt aus? Es ist im Nachhinein bestimmt toll, von Richard Avedon fotografiert worden zu sein, doch wohl nur wenige wären dem gnadenlosen, sezierenden Stil, den Avedon praktizierte, gewach- sen. Am schonungslosesten sieht man dies bei seiner Serie "In the American West" von 1985, wo er unbekannte Minenarbeiter, Verkäuferinnen, Tankstellenwarte und Truckfahrer vor einer weissen Leinwand im Freien posieren lässt, um sie einem natürlichen Licht, aber auch der unerbittlichen Schärfe der Linse auszusetzen. Fasziniert und auch ein wenig erschrocken werden wir Zeugen die- ses Schauspiels von uns gänzlich unbekannten Menschen, so wie wir in einer Mischung von Ekel und Neugier aufgespiesste Insekten im Naturkundemuseum betrachten. Bei der Begegnung mit den übergrossen Originalabzügen der Schwarzweissaufnahmen oder bei den qualitativ hochste- henden Duplexdrucken aus Avedons Buchveröffentlichungen wird uns der Abstand zu den Arbeiten Krischkers bewusst. Anders als Avedon, der die materielle Oberfläche von Öl, Schmutz, runzliger Haut, Falten, Kleidung ebenso schonungslos ins Licht zerrt wie die ungeschützten Blicke der Por- traitierten, tauchen die Abgelichteten der "Wahrnehmung"-Serie in die schützende Intimität des dunklen Hintergrundes ab. Krischker wählt ein fast altmeisterliches Chiaroscuro, wie wir es von Caravaggio oder Rembrandt kennen. Die Originalgrösse wird leicht verkleinert, das quadratische Format schafft zusätzlich Ruhe.

Wahre Portraits

Wenn ein Portraitfotograf eines Serviceclubs den Freunden, hier den Kiwanisfreunden Baden, vor- schlägt, Portraitaufnahmen zu machen, erwartet man in erster Linie "saubere", fröhliche Portraits von Männern jüngeren, mittleren und fortgeschrittenen Alters. Nichts Aufregendes, nichts Anstös- siges, keine einnehmenden Portraits, geschweige denn Schlüpfriges oder Peinliches. Solide Por- traits meist in Anzügen mit oder ohne Krawatte und einem freundlichen Lachen. Geri Krischker hätte es dabei bewenden können und entstanden wären eine gewiss beachtliche Portraitserie mit dokumentarischem und emotionalem Wert, eine professionell erarbeiteter Blick auf befreundete Gesichter, herausgehoben aus dem Fluss durchschnittlicher und oberflächlicher Schnappschüsse, die unsere digitale Welt zur Genüge prägen. Es bleibt schlussendlich im Dunkeln, welcher instinkti- ve Genius Geri Krischker zur Aufforderung getrieben hat, die Portraitierten zu bitten, sich oben frei zu machen. Diese doktorale Geste führt auf jeden Fall zu einem neuen Wahrheitsgehalt der Fotos der Abgebildeten, Er eröffnet uns unerwartet eine ganze Palette von Eindrücken und Erkenntnis- sen, die von Authentizität und Offenheit über Witz, Vergänglichkeit, Fleischlichkeit, Schalk, Pölster- chen, Memento mori und ja, Erotik bis zum Begriff Vertrautheit und Vertrauen reichen.

Nacktheit hat ja nicht in erster Linie mit der Entblössung de Geschlechtsregion zu tun, sondern der Entzug der Kleider bewirkt in uns Scham oder eine befreiende Ursprünglichkeit, bei beiden nimmt jedoch die Verletzlichkeit zu. Mit dieser Verletzlichkeit zu spielen oder sie zu inszenieren: beides hätte das Projekt gefährdet. Das Abgleiten in Kitsch oder Peinlichkeit wäre der Fall gewesen. In- dem Krischkers Fotos alles Anekdotische, Ablenkende ausblenden, entsteht eine meditative Ruhe, bei der wir die Abgebildeten eher ruhig wahrnehmen als aktiv betrachten. Anders als Avedon wählt Krischker die Tiefe des schwarzen Raums als gleichbleibende und vereinende Maske. Seine Bilder sind ausschliesslich Schulterstücke und erfahren in diesem körperlichen Zusatz zum Gesicht/Kopf eine spannungsvolle Erweiterung und nicht eine Zerstreuung, was bereits bei einem Brustbild der Fall wäre. Das kleine Stück Nacktheit oder die Blösse, welche sich vom freigelegten Hals her of- fenbart, genügen, die Reste bürgerlicher Ordentlichkeit abzulegen, einzutreten wie Ordensbrüder in eine Welt, welche die Abgebildeten ursprünglicher, sanfter und erstaunlich oft auch jungenhafter macht.

Angezogen Ausgezogen

Am Spannendsten sind die Portraits dort, wo sich der Gesichtsausdruck zwischen dem an- und ausgezogen Abgebildeten kaum oder nur unmerklich verändert. Nicht der Fotografierte sondern der Betrachter nimmt den Unterschied, die leichte Verschiebung wahr. Das mag nochmals der Schlüssel zum Titel der Ausstellung "Wahrnehmen" sein, den Geri Krischker gesetzt hat. Vielmehr als ein Betrachten oder noch simpler Erkennen des Portraitierten nimmt der Betrachter das Ge- genüber wahr, oszilliert zwischen dem bekleidet und unbekleidet Dargestellten, ohne ihn unbedingt kennen zu müssen. Die Anonymität ist eher hilfreich, um den Portraitierten genauer und unvorein- genommener zu betrachten. Und dort, in diesem Zwischenraum, von Passepartout- zu Passepar- toutkante entsteht ein eigentlich neues und unerwartetes Portrait, es ist das Unsichtbare, Unaus-

gesprochene, Wesenhafte, oft Irritierende und letztlich immer verletzliche neue dritte Gesicht, das diese Doppelportraits zu einem ästhetischen Erlebnis macht.

Im Wechselspiel des Doppelportraits, die beide im strengen Sinn des Wortes "gestellt" sind, ergibt sich so eine Natürlichkeit und Unmittelbarkeit, die berührt. Nur indem Geri Krischker als Fotograf und konzeptioneller Künstler sich auf das strenge Konzept dieser Doppelportraits verlässt, den Portraitierten diesem Plan aussetzt ohne ihn auszuliefern, "funktionieren" diese Bilder/Bildpaare ohne Pose und Pathos. Die Portraitierten geben sich eine Blösse, doch sie werden nicht blossge- stellt, sie legen die Oberteile und das Hemd ab, aber sie lassen nicht die Hosen herunter, sie zeigen die Schulter, aber nicht die kalte, sie brüsten sich nicht, sondern zeigen ihr menschliches Gesicht.

Wahr Nehmen Geben

Erst so erschliesst sich die Ästhetik, die für diese Portraitserie massgeblich ist, auch im Wortsinn. Sich zu Entblössen hat viel mit Austausch und Vertrauen zu tun. Wem ich mein wahres Gesicht zei- ge, dem gebe ich einen Teil meines Wesens und schenke ihm mein Vertrauen. Ich lasse mich wahr- nehmen. Und wenn die Wahrheit im Wort liegt, dann schliesst sich der Kreis von der "naked truth" zur Wahrheit und Ästhetik der Entkleideten: Der Terminus "Wahrnehmen" wurde im Altgriechi- schen mit dem Begriff αἴσθησις "aísthēsis" wiedergegeben und war bis zum 19. Jahrhundert vor allem die Lehre von der wahrnehmbaren Schönheit, von Gesetzmäßigkeiten und Harmonie in der Natur und Kunst. Erst die Lehre der "Aisthesis", die vor allem durch Aristoteles und Plato vertreten wurde, geht von einer sinnlichen und körperlichen Wahrnehmung aus, die zu Erkenntnis und Welt- erfassung führt. Man muss nicht so weit gehen, das "Symposion" von Plato zu zitieren, den Inbegriff der Männerfreundschaft, das in seinen berühmten Dialogen die platonische, die irdische oder die himmlische Liebe bei einem Gastmahl offen (und natürlich nackt) bespricht. Geri Krischker hat seine Freunde nicht wie Avedon als Ausstellungsstücke behandelt, sondern sie in einem fotografi- schen Symposion als Metzgermeister, Rechtsanwalt, Apotheker, Winzer, Pfarrer, Spenglermeister, Hoteldirektor, Baumeister, Grafiker oder Herzchirurg zusammengeführt. Und mit der Portraitserie "Wahrnehmen" dem Freundschaftsbegriff ein visuell-emotionales Denkmal und der Portraitfoto- grafie eine neue Wahrheit geschenkt.

Beda Büchi Januar 2014

Beda Büchi *1962, Lehrer für Bildnerische Gestaltung an der Kantonsschule Baden, Dozent an der Hochschule der Künste Zürich, Bildender Künstler. Der Text entstand anlässlich der Ausstellung "Geri Krischker - Wahrnehmen" im KKLB - Kunst und Kultur im Landessender Beromünster von Januar bis November 2014.